Das dreißigste Jahr von Ingeborg Bachmann

Donnerstag, 28. Juli 2011

Das dreißigste Jahr

Das dreißigste Jahr

Durch Zufall bin ich am Wochenende auf dieses Hörspiel – das eigentlich eine Lesung ist- gestoßen. »Das dreißigste Jahr« von Ingeborg Bachmann ist eine Erzählung aus dem gleichnamigen Erzählband über das Erwachsenwerden. Die Identitätskrise eines Dreißigjährigen, der sich dem Schwinden seiner Zukunftschancen bewußt wird. Das Hörspiel lebt von Sprecherlegende Gert Westphal.
 

 
 

Das Alter ist ein kaltes Fieber


“Im Frost von grillenhafter Not. Hat einer dreißig Jahr vorüber, So ist er schon so gut wie tot.” So dichtet einst Johann Wolfgang von Goethe. Wenn einer in sein dreißigstes Jahr geht, wird man nicht aufhören, ihn jung zu nennen. Er selber aber, obgleich er keine Veränderungen an sich entdecken kann, wird unsicher; ihm ist, als stände es ihm nicht mehr zu, sich für jung auszugeben. Und eines Morgens wacht er auf, an einem Tag, der vergessen wird, und liegt plötzlich da, ohne sich erheben zukönnen, getroffen von harten Lichtstrahlen und entblößt jeder Waffe und jeden Muts für den neuen Tag. Wenn er die Augen schließt, um sich zu schützen, sinkt er zurück und treibt ab ineine Ohnmacht mitsamt jedem belegten Augenblick. Er sinkt und sinkt, und der Schrei wird nicht laut (auch er ihm genommen, alles ihm genommen!), und er stürzt hinunter ins Bodenlose, bis ihm die Sinne schwinden, bis alles aufgelöst, ausgelöscht und vernichtet ist, was er zu sein glaubte. Wenn er das Bewußtsein wieder gewinnt, sich zitternd besinnt und wieder Gestalt wird, zur Person, die in Kürze aufstehen und in den Tag hinaus muß, entdeckt er in sich aber eine wundersame neue Fähigkeit, sich zu erinnern.

Kurz vor seinem 30. Geburtstag stürzt der Held dieser Erzählung in eine schwere Identitätskrise: Er verzweifelt an der Welt und vor allem auch an der Sprache. “Eine neue Sprache zu schaffen, die getaugt hätte, das Neue auszudrücken” , das wollte er schaffen. Die vorherrschende Sprache ist für ihn nur “Gaunersprache”. Sein verzweifeltes, unentschlossenes Umherwandern umfasst alle Stadien der Auflösung und der Suche nach Sinn. Egal in welchem Land er sich aufhält, immer fühlt er sich in der “Falle”. Weder die Liebe noch ein bürgerlicher Beruf können ihn retten. Und sein alter Freund oder Begleiter Moll “die Laus im Pelz, der der eine Sprache hat” wird zum Inbegriff des Angepassten, Unechten. Mit dieser 1961 erschienenen Erzählung “Das dreißigste Jahr” aus dem gleichnamigen Erzählband wendet sich die brillante Lyrikerin Ingeborg Bachmann hin zur Prosa und vollzieht mit ihren eigenen Worten “einen Umzug im Kopf”. Das Sprach-Thema war ihr ganzes Leben lang für sie von größter Bedeutung. Sie suchte eine “andere Sprache” für eine neue Welt. “Die Welt und er selbst schien sich kündbar.”

 

Mein Fazit


Durch Zufall bin ich am Wochenende auf dieses Hörspiel – das eigentlich eine Lesung ist – gestoßen und war sofort gefesselt. Mit dreißig ändern sich Perspektiven, Zukunftschancen und Ansichten. Man realisiert, dass einem nicht mehr alle Möglichkeiten im Leben offen stehen… und doch gehört man nicht zum alten Eisen. Man steht irgendwo zwischen Jugendkultur und Establishment und bekommt von beiden Seiten die Pistole auf die Brust gesetzt: Bist Du für uns oder gegen uns? Ingeborg Bachmann verarbeitete ihre Erfahrungen mit dieser Lebensphase in ihren Gedichten und diskutierte sie in diesen Erzählungen. Dabei setzt sie sich auch mit moralischen Fragen auseinander, wie die übertriebene Anpassung des kapitalgetriebenen, gierigen Individuums, das seine Werte verrät; aber auch Kritik an der Gesellschaft als Ganzes. Eine Wertediskussion, die auch heute noch aktuell ist.

Kaum ein Sprecher fasziniert mich so wie Gert Westphal. Auch aufgrund der Qualität des Sprechers kommt »Das dreißigste Jahr« von Ingeborg Bachmann gänzlich ohne zusätzliche Effekte aus. Nur hier und dort ist Regisseur Oswald Döpke zu hören, der einzelne Gedankenströme spricht. Schade, das nur diese eine Erzählung aus dem insgesamt 7 umfassenden Erzählband gelsen wird. Ansonsten ein wirklich hörenwerter Hörspielklassiker.

Viel Spaß beim Nachhören!

 

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 Mein Gesamturteil:
Hörbuch-Bewertung: Note 2

Spieldauer: ca. 79min.

CDs: 1

Verlag: Der Audio Verlag

Erschienen: 2001

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