Otherland von Tad Williams

Donnerstag, 15. September 2011

Otherland von Tad Williams

Otherland von Tad Williams

Ein epochales Meisterwerk, das ich schon seit langer Zeit vorstellen möchte. Die Rede ist von der aufwendigsten Hörspielproduktion aller Zeiten: »Otherland« von Tad Williams. Ende des 21. Jahrhunderts: Die reichsten und mächtigsten Männer und Frauen haben ein gigantisches Netzwerk geschaffen. In dieser virtuellen Welt wollen sie sich den ältesten Menschheitstraum erfüllen: das ewige Leben. Abenteuer und Spannung pur mit den besten Sprechern des Landes. Grandioses Hörspiel!
 

 
 

Das Leben in der virtuellen Welt – Otherland


Otherland, eine Sammlung virtueller Welten, wurde von einigen der reichsten und mächtigsten Menschen der Welt geschaffen. Sie nennen sich selbst die Gralsbruderschaft. Die Technik, die dieser virtuellen Welt zugrunde liegt, ist weitaus fortgeschrittener als alle anderen bekannten Welten im Netz. Im Gegensatz zum Rest des virtuellen Raums bedient sich Otherland auch der Nutzung des menschlichen Bewusstseins. Hierdurch kommt es im Verlauf der Handlung dazu, dass Kinder im virtuellen Raum gefangen werden und nicht mehr in die reale Welt zurückkehren können. Dieses Motiv bestimmt die Handlung des ersten Buchs. Das Ziel der Gralsbruderschaft ist es, mit Hilfe von Otherland unsterblich zu werden.

Im ersten Roman lernt der Leser durch verschiedene, zunächst scheinbar nicht verbundene, Handlungsstränge eine Reihe von Menschen kennen, die sich durch Intervention von Mr. Sellars in Otherland treffen und dieses von innen zu zerstören versuchen. Sellars ist das Opfer militärischer Versuche, bei denen er verschiedene elektronische Implantate erhielt. Er hat Teile des Geheimnisses von Otherland entschlüsselt und sich entschlossen, dessen Gründer zu bekämpfen. Die Gruppe von Helfern irrt dabei durch immer neue virtuelle Welten auf der Suche nach Informationen und Möglichkeiten, Otherland zu vernichten – oder es wenigstens lebend zu verlassen.

In der realen Welt sind indes verschiedene Personen mit Otherland verknüpft – als Mitglieder der Gralsbruderschaft, als deren Handlanger, als Polizisten oder als Angehörige von im Koma liegenden Kindern. Alle diese Handlungsstränge existieren teilweise parallel, teilweise berühren oder vereinigen sie sich auf der realen oder virtuellen Ebene – bis das Geheimnis von Otherland gelöst ist.

 

Die aufwendigste Hörspielproduktion aller Zeiten


Mit insgesamt 24 Stunden Länge ist Otherland die größte Hörspiel-Produktion der Radiogeschichte. Vom 19. Januar 2004 bis zum 9. September 2005 wurde das Hörspiel in den Studios des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main produziert. Walter Adler meisterte diese Herausforderung mit insgesamt 250 Schauspielern und der Musik von Pierre Oser. Seine Inszenierung lebt durch die Stimmen von Sophie Rois, Ulrich Matthes, Nina Hoss, Sylvester Groth, Hans Peter Hallwachs, Ernst Jacobi, Judith Engel, Peter Matic und vielen anderen. 25 CD, Laufzeit ca. 1.230 Minuten, Hörspiel, Sprecher: Hans Peter Hallwachs, Nina Hoss, Peter Matic, Ulrich Matthes, Ernst Jacobi, Siemen Rühaak u. v. a.

Insgesamt gliedert sich die Geschichte in vier Teile, die auch jeweils als Einzelausgaben erhältlich sind.

  • Otherland: Stadt der goldenen Schatten
  • Otherland: Fluß aus blauem Feuer
  • Otherland: Berg aus schwarzem Glas
  • Otherland: Meer des silbernen Lichts

 

Teil 1: Stadt der goldenen Schatten


50 Jahre in der Zukunft schaut die Welt auch nicht viel anders aus als heute, sieht man einmal davon ab, daß ein Teil der Menschheit einen großen Teil seiner Zeit in virtuellen Welten verbringt. Ein großer Teil der Menschheit? Nein, nur die, die es sich leisten können, natürlich. Wie gesagt, viel hat sich nicht geändert. Nicht jeder Bereich des weltumspannenden Datennetzes steht jedem Benutzer offen, nur wer das virtuelle Äquivalent eines teuren Anzugs trägt und die Online-Gebühren bezahlen kann, wird überhaupt erst in die besseren Gegenden eingelassen.

Renie Sulaweyo ist nicht so privilegiert, obwohl sie an einer südafrikanischen Hochschule den Umgang mit der virtuellen Realität lehrt. Als ihr kleiner Bruder während eines Ausflugs in für ihn eigentlich gesperrte Bereiche der Datenwelt aus unerklärlichen Gründen ins Koma fällt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als auf unkonventionelle Hilfsmittel zurückzugreifen, um nach einer Rettung für ihn zu suchen. Ihr Schüler, der Buschmann !Xabbu, einer der letzten Vertreter der Ureinwohner Südafrikas, hilft ihr dabei. Bei ihrer Suche haben sie die Vision einer fabelhaften goldenen Stadt, die für kurze Zeit in der virtuellen Realität erscheint. Diese Vision erscheint nicht nur ihnen, sondern auch anderen Menschen, die ebenfalls versuchen, das Rätsel der goldenen Stadt zu lösen.

Unterdessen teilen immer mehr Kinder das Schicksal von Renies Bruder. Womit wir bei der Weltverschwörung wären, dem Zentralen Bösewicht und Kern der Handlung. Eben diese Verschwörung, die sich die “Bruderschaft des Grals” nennt, und aus den mächtigsten Männern der Welt gebildet wird, benötigt die Kinder für Otherland, ein von ihnen erschaffenes gigantisches Simulationsnetzwerk. Otherlands virtuelle Welten wirken dermaßen realistisch, daß Benutzer sie praktisch nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden können. Die Ziele der Verschwörung werden nicht explizit benannt, aber der Leser kann es sich leicht zusammenreimen: uneingeschränkte Macht und Unsterblichkeit, das Übliche eben. Den Weltuntergang planen sie ebenfalls.

 

Teil 2: Fluss aus blauem Feuer


Zum Auftakt der Geschichte begegnen wir wieder dem wilden Haufen von Abenteurern, der in einer erstaunlich detaillierten und furchtbar gefährlichen virtuellen Welt namens Otherland gefangen ist. Unter ihnen lauert unerkannt der brutale Serienmörder Dread, der versucht, an Informationen zu kommen, die ihm helfen sollen, die Meister seiner Gral-Bruderschaft zu stürzen. Die Gruppe folgt einem allgegenwärtigen Fluß von einer Welt zur anderen, außerstande, Offline zu gehen, und der zunehmend entsetzlichen Gewißheit ausgesetzt, daß alles in diesem angeblich virtuellen Ort allzu real ist. Währenddessen gewinnt Paul Jonas, eine unter Gedächnisschwund leidende (doch irgendwie zentrale) Figur, die sich auf der Flucht vor zwei düsteren Wesen befindet, auf seiner eigenen Flußfahrt à la Huckleberry Finn immer mehr von seinem Gedächnis zurück. Wie im ersten Roman ist jede neue Welt, in die die Figuren vordringen — von der paläolithischen Eiszeit bis hin zu etwas, was dem Land Oz verdächtig nahekommt — voll und ganz realisiert und völlig unberechenbar.

 

Teil 3: Berg aus schwarzem Glas


Der Band 3 der Otherland-Saga beginnt behäbig und langsam. Tad Williams tut gut daran, denn ein Jahr ist vergangen, seit er uns mit Band 2 seiner monumentalen Saga, Fluß aus blauem Feuer, erfreut hat. Gemeinsam mit dem Leser nähert er sich nun wieder seinen Helden. Diese sitzen niedergeschlagen und mutlos in den unterschiedlichsten Fallen, die die mysteriöse Gralsbruderschaft, die hemmungslos Kinder in virtuelle Fallen lockt, um die Weltherrschaft zu erlangen, ihnen gestellt hat. Der Suffkopp Long Josef Sulaweyo wird entführt. Jeremiah wartet vergeblich auf ihn, und kann selbst nicht verschwinden, denn er wacht darüber, dass Rennie und !Xabbu in ihren VR-Tanks heil bleiben. Doch die Tücken liegen im Detail. Oder um genauer zu sein: im Cyberspace. Dem Otherland. Denn hier sind die Lehrerin Rennie und ihr Student !Xabbu gemeinsam mit Martine, Florimel, T4b und Emily eingeschlossen in einer trostlosen Landschaft und finden keinen Ausweg. Damit ergeht es ihnen wie dem einstigen Soldaten Paul Jonas, der zwar den Wirren des Ersten Weltkrieges endlich entkommen ist, nun aber als Homer’s Odysseuss einen Weg aus seiner vertrackten Lage sucht. Womit wir bei Orlando Gardiner und seinem Freund Fredericks wären, die von einer Kraft vorwärtsgetrieben werden, die wie ein Orkan so mächtig ist, dass sie ihr kaum widerstehen können…

Die Geschichte entwickelt Dynamik. Je weiter sie fortschreitet, umso rasanter wird ihr Plot. Nicht nur das: Williams’ Helden beginnen zunehmend zu begreifen. Das ist erfreulich. Denn endlich lichtet sich auch für den Leser langsam das gewaltige Otherland-Konstrukt. Die Protagonisten beginnen sogar zu reifen. Sie müssen sich ihren Aufgaben stellen, um auf diesem tapferen Wege über sich selbst hinauszuwachsen. Denn nur dann, das lehrt uns auch die moderne Fantasy, können sie ihren Gegner, den hemmungslosen Felix Jongulear, den Anführer der Gralsbruderschaft, mit seinen eigenen Waffen schlagen. “Wenn diese Wesen Maschineneffekte waren, dann war es um so wahrscheinlicher, dass es Regeln gab, Logik… Antworten”, sinniert Paul Jonas über die simulierten Gegner im Otherland. “Er musste bloß herausfinden, wie sie lauten.” Und tatsächlich: langsam, ganz langsam lichtet sich für die Helden das virtuelle Dickicht. Ein Silberstreif am Datenhorizont.

 

Teil 4: Meer des silbernen Lichts


Martin Desroubins und Paul Jonas verschlägt es wieder in die virtuellen Abgründe von Otherland, das unter dem Einfluss von John Dread allerdings einigen Schaden genommen hat. Renie Sulaweyo, !Xabbu und Felix Jongleur müssen sich in einer verzerrten Märchenwelt zurechtfinden, die nicht mit Otherland in Verbindung steht. In der wirklichen Welt wird John Dread von einer ausgesprochen beharrlichen Polizeibeamtin verfolgt. Und über allem schwebt der drohende Zusammenbruch des Otherland-Systems, der den Tod all jener zur Folge haben würde, die sich darin aufhalten.

 
 
 
 

Mein Fazit


Tad Williams düstere Vision vom Leben im Netz ist unterhaltsame Science-Fiction in Bestform, aber auch Gegenwartskritik. Das vom Netz dominierte 21. Jahrhundert wird und hat bereits das alltägliche Leben verändert. Wo das hinführt und ob diese Veränderungen ausschließlich positiver Natur sein werden, bleibt anzuzweifeln. Und genau hier setzt Williams-Idee an. Implantate und die Konnektierung von Sinnesnerven scheinen in unserer Welt noch Dichtung von morgen zu sein. Doch zeigt nicht zuletzt die religiöse Veehrung von Apple-Gründer Steve Jobs und der Konsumkult rund um seine Produkte wie stark der Zugang zum Netz und die Qualität der Instrumente (sei es ein Personal Computer oder in Williams Otherland ein Implantat als Zugang in die virtuelle Wirklichkeit), wesentliches soziales Statusmerkmal werden kann und die gesellschaftliche Schere auseinander treibt.

Die Vielfalt und der Ideenreichtum dieser Saga ist unerreicht und ganz sicher in einem Atemzug mit Tokiens “Herr der Ringe” zu nennen. Walter Adler hat mit dieser Produktion Tad Williams bereits zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt. Das wohl aufwendigste Hörspiel aller Zeiten ist zugleich der am besten geeignetste Zeitvertreib für lange Herbst- und Winterabende. Die Vielfalt und der Ideenreichtum dieser Saga ist unerreicht. Ein unbedingtes Muss für alle Hörspielfreunde!

Viel Spaß beim Nachhören!

 

 Mein Gesamturteil:
Hörbuch-Bewertung: Note 1

Spieldauer: ca. 1230min. (gekürzte Fassung)

CDs: 25

Verlag: der Hörverlag

Erschienen: 2007

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