Payback von Frank Schirrmacher

Samstag, 20. Februar 2010

Payback von Frank Schirrmacher

Payback von Frank Schirrmacher

Oder: Der alte Mann und das Internet? Am Wochenende habe ich mir Schirrmachers Payback ein zweites mal vorgenommen, nachdem der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Freitagabend in meiner Lieblingsradiosendung Thema war.

 
Immer das gleiche Strickmuster

 

Im Prinzip präsentiert sich das Buch in zwei Teilen und wendet eine Technik an, die ich als Sabine Christiansen-Strategie bezeichnen möchte. Eine Technik, die den meisten Sachbüchern zu Grunde liegt, die es auf die Bestsellerliste schaffen möchten. Der erste Teil solcher Bücher ist wie folgt angelegt: Panikmache! Ängste schüren oder unterschwellig schon vorhandenes Unwohlsein einfangen und in kommerziell verwertbare Ängste konvertieren. Der zweite Teil bietet die passende Medizin, ein Gegenmittel, das man so nicht gebraucht hätte, aber da man einmal in „Alarmbereitschaft“ (um diesen Schirrmacherschen Terminus zu übernehmen) versetzt ist, es gleich mit konsumiert.


 

Frank Schirrmachers Payback wirkt reißerisch

 

Der Untertitel lautet dann auch logischerweise: „Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen“

Schirrmacher verkündet (mal wieder) den zivilisatorischen Weltuntergang, was dann so klingt:

„Auf der ganzen Welt haben Computer damit begonnen ihre Intelligenz zusammen zulegen und ihre inneren Zustände auszutauschen und seit ein paar Jahren sind die Menschen ihnen auf diesem Weg gefolgt. Solange sie sich von den Maschinen treiben lassen, werden sie hoffnungslos unterlegen sein. Wir werden aufgefressen werden, von der Angst etwas zu verpassen und von dem Zwang jede Information zu konsumieren. Wir werden das selbstständige Denken verlernen, weil wir nicht mehr wissen was wichtig ist und was nicht. Und wir werden uns in fast allen Bereichen der autoritären Herrschaft der Maschienen unterwerfen.“



 

 

Unbeding reinschalten! Das philosophische Radio mit Jürgen Wibeke

Unbeding reinschalten! Das philosophische Radio mit Jürgen Wibeke



 

Schirrmacher identifiiziert eine Mathematisierung aller Lebensbereiche, angefacht durch eine Vorherrschaft der Computer – und bezeichnet die Technikunterwerfung des Menschen als digitalen Taylorismus, was in der angesprochenen WDR-Sendung in der Aussage kulminiert, dass sogar die „Liebe (irgendwann) nur noch ein Algorithmus sein wird.“ Als größte Herausforderung des Menschheit identifiziert er das Multi-Tasking, das zwangsläufig in uns zu Aufmerksamkeitsstörungen führen muss. Das Multitasking ist eine Folge unserer Computerabhängigkeit und folglich der Gescheiterte Versuch des Menschen, selbst zum Computer zu werden.

Studien sollen das Schirrmacher-Syndrom untermauern

 

Dazwischen gibt es allgemeines Blabla, nach der Strickart (vorsicht Satire)‚vor 30 Jahren erfand in einer Höhle im Silicon Valley ein inteligenter Mann das Internet.’ Es wird uns weitschweifen die Entwicklung des Internets und die Ausdifferenzierung unserer Kommunikationsformen vor Augen geführt – wie wir alle uns a la Kafkas Samsa Gregor in den letzten Jahren in kleine Datensuchkäfer verwandelt haben und unsere Hirne zu reinen Informationsschwämmen degeneriert sind …gääähhn. Der Hörer soll schockiert sein, wenn er erfährt das Kleinkinder keine Computer mögen oder Eltern ihren Kindern I-phones schenken, um mit diesen besser kommunizieren zu können. Aha.

 

 

Als Heilung vom Schirrmacher-Syndrom nennt uns der Onkel Doktor dann im wesentlichen drei Punkte, welche bei regelmäßiger konsequenter Anwedendung, uns und die Welt retten und die Zukunft (rund ums Internet… weil das ist ja eigentlich vom Prinizp doch super) in ein Disneyland verwandeln: die Förderung von Kreativität, Toleranz und Geistesgegenwärtigkeit! Jawohl, Geistesgegenwärtigkeit gegen Aufmerksamkeitsdefizit!

Nun ja, so weit der erste Eindruck von Payback, den ich gerne noch einmal ratifizieren wollte, weswegen ich dann auch mit Freude in Das Philosophische Radio auf WDR 5 hineingehört habe.

Im Gespräch mit Hörern rudert Schirrmacher etwas zurück, bleibt aber grundsätzlich seinem Gedankenfehler treu, Menschen würden sich der Maschine Computer unterwerfen und vor allem, sie seien auf dem Weg durch ihr Handeln selbst zu Computern zu werden. Was meiner Meinung nach Quatsch ist. Computer sind Maschinen von Menschen für Menschen. Es sind nicht Computer die Befehle erteilen, sondern immer „intelligente“ Mensch die diese Maschinen gebaut und programmiert haben.

Schirrmacher verwendet gerne starke Begriffe, wie Richtig oder Falsch. Er unterstellt den Menschen im Informationszeitalter, sie könnten nicht mehr die “richtigen” Schlüsse ziehen und belegt dies mit verschiedenen Studien. Als degeneriertes Opfer des Informationszeitalters (also als Hörbuchhörer) habe ich leider kein Literaturverzeichnis im Booklet und kann (und will auch gar nicht) diese Studien in ihrer Durchführung analysieren und kritisieren. Ich möchte aber als bekennend kritischer Randsteinphilosoph die Frage stellen, was überhaupt als gute oder schlechte (richtige oder falsche) Information bezeichnet werden kann? Varriert das nicht von Themengebiet zu Themengebiet vollkommen? Nicht immer lohnt es sich an dem zu orientieren was die sogenannte “kulturelle Elite” uns vorbeten. Für mich klingt Schirrmachers Buch an manchen Stellen nach einem Klagegesang zum Untergang der etablierten Leitmedien.

Frank Schirrmacher sorgt sich um
unsere Zukunft

Eines schafft Schirrmacher mit Payback aber ganz bestimmt: er polarisiert und bleibt im Gespräch, was die Fülle an Fernseh- und Radiointerviews der letzten Wochen dokumentiert (links ein Beispielinterview bei ttt).

 

 

Das böse Internet und wie es User manipuliert

 

Zu Payback habe ich überhaupt erst gegriffen weil es mich interessiert hat, wie weit unsere Leitmedien die Vernetzung von Ökonomie und Web verstehen. Wobei ich enttäuscht wurde. Schirrmacher versteht zwar die Hintergründe (meine Einschätzung), streift diese aber nur. Er schmückt sich mit hippen Vokabel wie Page Rank, Twitter oder Youtube, dringt aber für meinen Geschmack nicht tief genug in die Materie ein. Einem Leihen dürften die manipulative Aspekte des Internets wie Suchmaschinenoptimeirung oder das Targeting von Kunden nicht deutlich genug geworden sein.

Eigentlich war ich kurz davor Schirrmachers Hörbuch Payback den goldenen „Abschaltbutton“ zu verleihen, doch hat mich sein Radioauftritt am Freitag etwas milder gestimmt.

Einige Gedankengänge seines Buches finde ich doch recht interessant. Szenarien in denen Ärzte die Krankenakten ihrer Patienten nicht mehr verstehen, weil kein Mediziner Zeit hat selbstständig Notizen dazu anzufertigen und zu reflektieren, stellen nicht nur unsere Strategien in der Informationsfindung in Frage, sondern unsere gesamte auf Gewinnmaximierung ausgelegte Lebensweise. Das große Ganzen bleibt aber leider wie immer auf der Strecke.

 

Zur Hörbuchversion:

 

Payback wird – sachbuchgerecht – vom Autor selbst gelesen. Das trägt zur Glaubwürdigkeit bei. Frank Schirrmacher hat aber auch nicht die schönste Erzählstimme und wer tiefer in die Materie einsteigen will, der wird um die gedruckte Version nicht herum kommen… schon alleine wegen der Quellennachweise.

  • Feb 25th, 2010 at 22:07 | #1

    “Für mich klingt Schirrmachers Buch an manchen Stellen nach einem Klagegesang zum Untergang der etablierten Leitmedien.”

    Das sehe ich auch so. Aber warum fällt dein Urteil dann so mild aus? Schirrmacher ist auch nur ein geldgeiler Populist

  • Mrz 8th, 2010 at 14:39 | #2

    “Computer sind Maschine von Menschen für Menschen” – was meinst du damit?

  • Mrz 8th, 2010 at 19:20 | #3

    @wo kann ich

    Naja, ich denke das erklärt der danach folgende Satz. Schirrmacher tut halt immer so als werden wir von Computern regiert, das wir uns fast schon einer fremden Intelligenz unterwerfen. Dem ist ja nicht so. All dass wir eben “von Menschen für Menschen” gemacht. Was uns treibt, ist durch unseren Gesellschaftzustand zu erklären und geht darauf zurück und nicht auf die Technologie an sich.

    @Nico

    Harte Worte :)

  • jango
    Aug 22nd, 2010 at 10:51 | #4

    Der alte Mann und das Internet trifft es wohl sehr gut! Auch ich hatte beim Lesen genau diesen Eindruck.

    Leider wird hier überhaupt nicht der Kern der Probleme getroffen.
    Die größte Stärke des Internets, seine Schnelligkeit, Informationen bereitzustellen und zu aktualisieren, ist auch seine größte Schwäche, nämlich die Volatilität. “Informationen, auf die eben noch Bezug genommen wurde, sind im nächsten Moment in dieser Form gar nicht mehr auffindbar.” Da drängt sich die Frage auf: “Wer ist es, der darüber entscheidet, welche Informationen bei Google & Co. überhaupt auffindbar sind, im Internet gelöscht oder verändert werden.”
    Natürlich sind die Daten noch irgendwo vorhanden, leider findet man sie aber kaum noch, wenn man sie braucht.

    Dahinter stehen i.d.R. keine Maschinen, sondern Menschen mit knallharten politischen oder wirtschaftlichen -intelligenten!?- Beweggründen, meist Gewinnmaximierung, aber auch Propaganda kommt hier in Frage.

    Web 2.0 ist in erster Linie keine Technologie, wie es immer so schön dargelegt wird, sondern ein soziales und wirtschatliches Konzept. Twitter, Facebook etc. sind lediglich Angebote, keine Technologien.

    @Nico
    Ein Klagegesang? JA!
    Gerade der Journalismus ist schwer betroffen von der Geschwindigkeit des Internets. Blogger vor Ort einer Katastrophe – was anderes wird ja kaum noch berichtet – sind natürlich schneller, als die klassischen Medien, was heißt, dass, um mitzuhalten, gar nicht mehr auf eigene Recherchen zurückgegriffen wird, sondern diese Einträge (Blogger, Flickr, YouTUBE, …) im Plagiat genutzt werden müssen. Wenn ich nun aber Fremdmaterial kopieren muss (Schirrmacher Multitasking???), wozu braucht man dann noch mich? Das ist den Journalisten und insbes. den Herausgebern natürlich bewusst.

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