Spieltrieb von Juli Zeh

Sonntag, 8. August 2010

Spieltrieb von Juli Zeh

Spieltrieb von Juli Zeh

Juli Zehs hochgelobter Roman »Spieltrieb« aus dem Jahr 2004 über die Erosion von Moral in unserer Gesllschaft – und hier insbesondere in unserem Schulsystem – wartet mit einem Feuerwerk an wissenschaftlicher Theorie und philosophischen Grundgedanken auf. Das Hörbuch, gelesen von Schauspielerin Sascha Icks, erfüllt fast alle Erwartungen, auch wenn es ruhig etwas langsamer hätte sein dürfen.
 

 
 

Der Spieltrieb in uns


An einem Bonner Gymnasium quält sich die hochintelligente Ada durch den öden Schulalltag- Die US-Truppen stürmen den Irak, doch es herrscht busines as usual: Der Lehrkörper müht sich, das Weltbild Gut und Böse ein weiteres Mal zusammenzuflicken. Für Ada und ihren Mitschüler Alev nur eine weitere Runde in einem erbärmlichen udn langweiligen Spiel. Sie beginnen ein anderes – und verstricken den Lehrer Smutek in eine ausweglose Erpressung. In ihrem Spiel soll es keine Gewinner und keine Gnade geben.

 

Über die Autorin: Juli Zeh


Juli Zeh wurde 1974 in Bonn geboren und lebt in Leipzig. Sie schloß ihr Jurastudium 1998 mit dem besten Examen Sachsens ab und arbeitete anschließend bei der UNO in New York und in Krakau. Für ihr erzählerisches Debüt „Adler und Engel“ (2001) wurde sie vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Bücherpreis und dem Bremer Literaturpreis.Kritiker zählten das Buch zu „dem schönsten und Wildesten, was in den letzten Jahren an deutscher Prosa erschienen ist.“ (Weltwoche)

In weiteren Büchern hat sie sich intensiv mit den Gesellschaften Ostmitteleuropas auseinandergesetzt, so in der Reportage „Die Stille ist ein Gespräch“ (2002) und in dem von ihr herausgegebenen Sammelband „Ein Hund läuft durch die Republik. Geschichten aus Bosnien“ (2004). Auch in „Spieltrieb“, ihrem zweiten Roman, ist in der Beschreibung des polnischen Lehrers Smutek eine besondere Sensibilität für die schwierige deutsch-polnische Geschichte zu spüren.

Gesellschaftspolitisch engagierte Juli Zeh sich zuletzt in ihrem gemeinsam mit Ilija Trojanow veröffentlichten Sachbuch Angriff auf die Freiheit zum Thema Datenmissbrauch.

 

Schule: Zwischen Leitungsdruck und erster Liebe


Der Roman ist kaum fünf Jahre alt und wirkt angesichts der Amokläufe an deutschen Schulen bedrückend aktuell. Leistungsdruck, verklemmte Sexualität, Panikattacken und rohe Gewalt. Das sind Bilder die verschiedene Schriftsteller im Zusammenhang mit Schule immer wieder aufgegriffen haben. Einige davon werden von Juli Zeh aufgegriffen: So baut sie beispielsweise Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ als Klassenlektüre in die Handlung mit ein. Der Autor Paul Mollenhauer bringt es in seiner Rezension auf den Punkt:

Das Schule ein Ort ist, der von den Beteiligten immer noch als existentielle Zumutung empfunden wird, ist spätestens nach der Bildungsreform der frühen siebziger Jahre etwas in Vergessenheit geraten. An deutschen Schulen wird nicht mehr geschlagen und wenig gestraft, und nicht selten werden die Lehrer von ihren Schülern freimütig geduzt.

Doch wie rätselhaft in unserer Gesellschaft die düsteren Seiten des Generationenverhältnisses nach wie vor sind, haben die Ereignisse der letzten Jahre gezeigt: Nicht nur in den USA, dem Mutterland des privaten Waffenbesitzes, richten Schüler an der Columbine Highschool in Littleton 1999 ein Blutbad mit 15 Toten an, auch im thüringischen Erfurt erschoß 2002 ein Schüler zahlreiche Mitschüler, Lehrer und schließlich sich selbst, insgesamt 17 Menschen – ein trauriger Rekord.

Schüler scheinen nicht mehr nur Opfer pädagogischer Willkür zu sein. Immer häufiger treten sie auch als Täter in Erscheinung. Doch was sind die Ursachen für solche Gewaltexzesse? Fehlende Fürsorge der Eltern? Ungerechtigkeit und Desinteresse der Lehrer? Gewaltverherrlichende Filme und Videospiele? Für die Zunahme tödlicher Gewalt an unseren Schulen ist noch lange keine Antwort gefunden.

Juli Zeh nimmt nur in Blick, wie sich weltweite Erosionen der Moral im „System Schule“ niederschlägt: Die Weltpolitik sieht sich mit dem Einmarsch der US-Truppen im Irak, der im Roman als Hintergrundmotiv stets präsent bleibt, ein weitere Mal in einen rechtsfreien Raum versetzt. Eine wichtige, unmittelbare Bezugsperson für Ada und Alev, der Lehrer „Höfi“, kapituliert vor privaten Schicksalsschlägen, hier brechen im nächsten Umfeld individuelle Werteorientierungen zusammen. Die Erpressungsperformance, die Ada und Alev inszenieren, reagiert auf all diese Komponenten und weist damit auf die akute Sinnkrise von unterforderten Schülern hin. Sie wird zum Zeitbild, in dem die Unbehaustheit des Nachwuchses als Folgeerscheinung umfänglicher gesellschaftlicher Orientierungsverluste faßbar wird.

 

 

Mein Fazit


Das (scheinbar ungekürzte) Hörbuch wird gelesen von Schauspielerin Sasch Icks, die es mit der Lesegeschwindigkeit – vor allem zu Beginn – etwas zu gut meint. Jedenfalls viel es mir zunächst schwer, die hochphilosophischen und teilweise sehr wissenschaftlichen Gedankengänge von Protagonistin Ada nachzuvollziehen, so dass ich immer wieder die Pausentaste auf meinem Player ansteuern musste. Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ oder „Das Gefangenendilemma“ sind zwar Lehrstoff, den man noch aus der Schule kennt, aber so schnell runtergerattert, wie von der Sprecherin, bringt er einen doch an die Grenzen.

„Spieltrieb“ von Juli Zeh, ist ein Roman, der den Leser/Hörer durch seinen intelligenten und abwechslungsreichen Erzählstil fesselt und zu eigenen Gedankengängen animiert. Die Hörbuchausgabe kommt zudem in einem ansprechendem Case und umfasst vier CDs samt Booklet. Insgesamt eine runde Sache.

 

Dieses Hörbuch bei Facebook empfehlen

 Mein Gesamturteil:
Hörbuch Downloads bei Libri.de

Spieldauer: ca. 297min.

CDs: 4


Verlag: DAV


Erschienen: 2005


rel=’nofollow’

Noch keine Kommentare vorhanden.

Sag Deine Meinung

 

Unsere Hörbuch-Empfehlungen: